Forschung
aktuell
Bei depressiven Alten
ist es wichtig, die Lebensgeschichte zu kennen
Alte Menschen sind eine
der suizidgefährdesten Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Psychotherapeutisch
jedoch sind Bundesbürger über 60 absolut unterversorgt, wie der
Kasseler Psychiater und Psychoanalytiker Professor Hartmut Radebold, Nestor
der deutschsprachigen Alterspsychotherapie, in einem Interview mit "Psychologie
Heute" beklagt.
In Deutschland leiden nach Auskunft des Kompetenznetzes "Depression, Suizidalität" etwa vier Millionen Menschen unter Depressionen. Mehr als 11 000 Menschen pro Jahr sterben durch eigene Hand, weitere 100 000 Deutsche jährlich versuchen, sich das Leben zu nehmen. Werden Depressionen bei den Betroffenen nicht rechtzeitig erkannt, sind sie oft Hauptursache für Suizide, so der Münchener Psychiater und Sprecher des Kompetenznetzes, Professor Ulrich Hegerl.
Krankheit und Behinderung
machen viele depressiv
Alte Menschen sind davon
überproportional häufig betroffen. 40 Prozent aller Suizide werden
nach Angaben des Bayrischen Gesundheitsministeriums von Menschen über
60 Jahren verübt. Vor allem über 75jährige Männer sind
gefährdet. Mit steigendem Alter wird der Unterschied zwischen Suizidversuch
und vollendetem Suizid zudem immer geringer. Über den sogenannten
versteckten Suizid, etwa die Nahrungsverweigerung und die Nichteinnahme
notwendiger Medikamente, gibt es derzeit keine statistischen Erkenntnisse.
Laut Radebold gibt es viele
Ursachen, warum gerade ältere Menschen so häufig unter Depressionen
leiden. So müssen sie beispielsweise auf vielfältige Verluste
reagieren: den Tod von Eltern, Partnern, Kindern. "Sie müssen damit
fertig werden, daß ihre Fähigkeiten nachlassen, das reicht vom
Sehen und Hören bis zur Sexualität." Hinzu kämen Kränkungen
und Abhängigkeiten (etwa in der Pflege oder in Kliniken), Krankheiten
und Behinderungen. Wenn dann noch viel Zeit zum Nachdenken bleibt, sind
Depressionen nahe.
Im Alter brechen oft Traumatisierungen
wieder auf
Oft seien alte Menschen
zudem in jungen Jahren traumatisiert worden: durch Krieg, Flucht, Hunger,
Verwaisung und Gewalt. Im Alter brächen solche Traumatisierungen dann
häufig auf, da die Menschen plötzlich viel Zeit zum Erinnern
haben.
Radebold setzt sich daher
dafür ein, biografische und historische Aspekte in der Therapie stärker
zu berücksichtigen. "Wir können über 60jährige nicht
verstehen, wenn wir nicht wissen, was sie durchgemacht haben."
Die Psychotherapeuten, so
Radebold, müßten bei alten Patienten "auch historisch denken
und die Zusammenhänge kennen, sonst kommen sie nicht an den Kern vieler
posttraumatischer Belastungsstörungen. In der Ausbildung sei das leider
bisher kein Thema", so der Psychiater ("Psychologie Heute", 12, 2003, 62).
Dabei sei die Lebensgeschichte ein wichtiger Therapieansatz.
Für eine Therapie
ist es nie zu spät
Die schwierigste Aufgabe
aber scheint darin zu bestehen, die Betroffenen überhaupt in die Praxis
zu bringen. Radebold: "Schon bei einem Alter von 55 wird es dürftig,
und in den Praxen finden sich - unabhängig von der Schulrichtung -
höchstens ein bis zwei Prozent über 60jährige."
Immerhin gebe es zarte Andeutungen
zu einer Trendumkehr. "Seit etwa zwei Jahren kommen Jahrgänge in Praxen
und Beratungsstellen, die offenbar aufgeschlossener für die Behandlung
psychischer Probleme sind", sagt Radebold. Männer seien dabei mit
etwa 20 Prozent Anteil weiterhin in der Minderheit.
Dabei könne eine Therapie
auch bei alten Menschen Symptomfreiheit erzielen, ist der Psychiater überzeugt.
"Sie kann Konflikte lösen, selbst solche, die schon sehr lange zurückliegen,
und auch noch Entwicklungen ermöglichen. Die Patienten sind nach der
Therapie stabiler; sie können besser mit Belastungen, Verlusten und
Gesundheitsproblemen umgehen."
Wie wichtig eine rechtzeitige Intervention ist, beweisen unter anderem auch die Erfolge, die das "Nürnberger Bündnis gegen Depression" erzielt hat (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Seit Januar 2001 werden in Nürnberg Hausärzte geschult, Depressionen bei ihren Patienten besser zu erkennen. Seither konnte die Zahl der Suizide in der Stadt um zwanzig Prozent gesenkt werden, wie erste Zwischenergebnisse bestätigen.
FAZIT
Das Problem der Altersdepression
wird in Deutschland schon wegen des demographischen Wandels weiter zunehmen.
Laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden wird die Zahl der über 60jährigen
Bundesbürger bis 2050 um 37 Prozent auf 28 Millionen steigen. 80 Jahre
und älter werden im Jahr 2050 etwa 9,1 Millionen Deutsche und damit
zwölf Prozent der Bevölkerung sein (2001: 3,2 Millionen gleich
3,9 Prozent). Die Zahl der alten Menschen insgesamt wird bis zum Jahr 2020
linear und schon 2030 sprunghaft ansteigen.