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Ärzte Zeitung, 20.06.2003

Nicht auf die Dauer, sondern auf die Qualität des Schlafs kommt es an
Von Pete Smith
 
Ursachen der Schlafstörung werden im Schlaflabor erforscht. Foto: DAGS
Die Deutschen brauchen zum Einschlafen 15 Minuten, schlafen durchschnittlich sieben Stunden und 14 Minuten pro Nacht, und zwar - statistisch gesehen - von 23.04 Uhr bis 6.18 Uhr. Damit bewegen sie sich biologisch im Mittelmaß, sozusagen zwischen Giraffe (30 Minuten) und Elefant (zwei bis vier Stunden) auf der einen sowie Ratte (zwölf Stunden), Igel (18 Stunden) und Fledermaus (20 Stunden) auf der anderen Seite. Soweit die Statistik.

Die durchschnittliche Schlafzeit ist in den letzten 100 Jahren um mehr als eine Stunde gesunken, doch das allein will noch nichts heißen. Denn nicht auf die Dauer, sondern auf die Qualität des Schlafs komme es an, sagt Professor Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Psychiatrischen Klinik der Universität Regensburg. Und diese hat, wie Experten aus Anlaß des "4. Tag des Schlafs" am Samstag betonen, im hektischen Alltag stark gelitten.
"Schlafstörungen sind längst eine Zivilisationskrankheit"

"Es ist ein Phänomen unserer Zeit", sagt Thomas Penzel von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. "Alles muß immer schneller gehen, wir haben immer weniger Zeit und neigen dazu, zu wenig zu schlafen." Die Folge: Bei vielen Menschen manifestieren sich Schlafstörungen. Nacht für Nacht wälzen sie sich in ihren Betten und sind am nächsten Tag müde, gereizt, unkonzentriert und vergeßlich.

"Schlafstörungen sind längst eine Zivilisationskrankheit", meint Professor Joachim Schauer, Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Leipzig. "Gerade die durch psychische Belastungen ausgelösten Schlafstörungen werden immer häufiger."
Jeder fünfte Bundesbürger leidet an einer Schlafstörung
Jeder fünfte Deutsche leidet Experten zufolge an einer der insgesamt 88 von Fachleuten unterschiedenen Schlafstörungen, das sind knapp 16 Millionen Menschen. Laut Schlafforscher Zulley haben zehn Prozent der Bundesbürger sogar eine behandlungsbedürftige Schlafstörung.
 

Störungen des Schlafs lassen sich, wie Zulley ausführt, grob in vier Gruppen einteilen:
· Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie) 
· Übermäßige Tagesschläfrigkeit (Hypersomnie) 
· Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus' 
· Schlafgebundene Störungen (Parasomnie) 

Die Insomnie ist mit einem Vorkommen von sechs Prozent die häufigste Schlafstörung. Hier, so Zulley, lägen häufig psychische Belastungen vor. Die Betroffenen seien innerlich stark angespannt. Leicht könne sich ein Teufelskreis entwickeln: Die angstvolle Erwartung einer weiteren schlaflosen Nacht verstärkt die Schlafstörung noch, die Symptome verselbständigen sich. 
Ohne Tiefschlaf gibt es keine Erholung für Körper und Geist
Gründe für eine Hypersomnie sind häufige kurze Unterbrechungen des Schlafs, die vom Schläfer gar nicht wahrgenommen werden, aber dazu führen, daß kein Tiefschlaf auftreten kann und der Schlaf deshalb nicht erholsam ist. Als Hauptursache nennt Zulley die Schlafapnoe. Sie ist mit vier Prozent die zweithäufigste Schlafstörung. Weitere Schlafstörungen dieser Gruppe sind das Restless-Legs-Syndrom (1,7 Prozent) und die Narkolepsie (0,8 Prozent).
Wenn der Schlaf zwar gut ist, aber zur falschen Zeit geschlafen wird, spricht man von einer Schlaf-Wach-Rhythmus-Störung. Ursachen sind etwa Schichtarbeit oder auch Jetlag nach Langstreckenflügen.
Als Parasomnien bezeichnet Zulley alle Erkrankungen, bei denen während des Schlafs oder beim Übergang vom Schlafen zum Wachsein eine Störung auftritt. Am bekanntesten sei das Schlafwandeln, weitere Störungen seien nächtliches Aufschrecken, Zähneknirschen oder Alpträume.

Viele Schlafstörungen, so Zulley, ließen sich durch Schlafhygiene beseitigen. Andere dagegen seien unbedingt behandlungsbedürftig und führten unbehandelt häufig zu gefährlichen Erkrankungen. Zulley nennt hier alarmierende Zahlen: So hätten allein 60 Prozent der Schlaganfall-Patienten und 40 Prozent der Bluthochdruck-Patienten eine Schlafapnoe.
Zwei Drittel der Patienten sagen ihrem Hausarzt nichts
Doch zwei Drittel all jener, die an einer Schlafstörung leiden, verschwiegen diese ihrem Arzt, so Zulley - weil sie sie selbst nicht ernst nehmen oder nicht glauben, daß ihr Arzt ihnen helfen kann. Daher sollten Hausärzte das Thema von sich aus anschneiden und ihren Patienten Hilfen an die Hand geben.
 
 

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