| Ärzte Zeitung, 22.04.2003
Analgetische Wirkung von Antidepressiva ist gut belegt
Schmerzkranken muß die Therapie genau erklärt
werden
MÜNCHEN (sto). Die analgetische Wirkung von Antidepressiva
ist nach Angaben von Dr. Christof Keller von der Rheinhessen-Fachklinik
in Alzey durch Studien inzwischen klar belegt. Vor allem Patienten mit
chronischen Schmerzen lassen sich mit Antidepressiva oftmals gut beeinflussen.
Ein Problem sei jedoch, daß Patienten mit chronischen
Schmerzen, die meist einen langen Behandlungs-weg hinter sich haben, nicht
als psychisch krank stigmatisiert sein wollen, sagte Keller kürzlich
beim Anästhesiekongreß in München. Schmerzpatienten müsse
deshalb besonders genau erklärt werden, weshalb man ihnen Antidepressiva
verordnet, sagte der Arzt bei einem Symposium des Unternehmens Organon.
Die schmerzlindernde Wirkung von Antidepressiva beruht
vor allem auf einer Hemmung serotonerger und noradrenerger Transmittersysteme,
die für die Schmerzverarbeitung wichtig sind, erläuterte Keller.
Deshalb würden bei Schmerzen vor allem trizyklische Antidepressiva
wie Amitriptylin oder Clomipramin verwendet. Weniger geeignet für
die Schmerztherapie seien Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer.
Mirtazapin (Remergil®) stimuliere die serotonergen
und die noradrenergen Transmitter-Systeme über eine Alpha2-Rezeptorblockade
und nicht über die Wiederaufnahmehemmung. Durch die selektive Blockade
von 5-HT2- und 5-HT3-Rezeptoren kämen unerwünschte Wirkungen
wie Agitation, Unruhe, sexuelle Dysfunktion, Schwindel und gastrointestinale
Beschwerden kaum vor, berichtete Keller. Die anticholinergen Wirkungen
von Mirtazapin seien nicht häufiger als bei Placebo. Wegen der geringen
Affinität zu Alpha1-Rezeptoren bestehe kein Risiko für eine orthostatische
Hypotonie und damit für einen Sturz.
Mirtazapin wirke angstlösend, mä-ßig
sedierend und schlaffördernd. Gerade die schlaffördernde Wirkung
erleichtere oftmals den Einstieg in die Behandlung von Patienten mit chronischen
Schmerzen, berichtete der Arzt. Endlich wieder richtig schlafen zu können,
werde als Wohltat empfunden. Die schmerzlindernde Wirkung trete meist bereits
nach vier bis acht Tagen ein.
|