Ärzte
Zeitung, 19.05.2003
Nur
jeder dritte Depressive sucht ärztliche Hilfe
Bundesweite
Anti-Depressions-Aktion gestartet / Großes Interesse an erfolgreichem
Nürnberger Netzmodell
MÜNCHEN
(sto). Depressive Störungen gehören nach Angaben des Münchner
Psychiaters Professor Ulrich Hegerl zu den häufigsten Erkrankungen,
deren Schwere meist auch noch unterschätzt wird. Nur etwa ein Drittel
der Betroffenen suchen medizinische Hilfe.
Das
vor zwei Jahren gegründete "Nürnberger Bündnis gegen Depression"
habe sich deshalb eine Verbesserung der Diagnose und der Versorgung depressiv
erkrankter Menschen zum Ziel gesetzt, erklärte Hegerl vor der Presse
in Nürnberg. Anlaß war der Start eines bundesweiten Anti-Depressions-Aktionsprogramms,
bei dem die Nürnberger Erfahrungen genutzt werden sollen. Hegerl ist
Sprecher des "Kompetenznetz Depression, Suizidalität", ein Großforschungsprojekt,
das vom Bundesforschungsministerium noch bis Ende 2004 mit insgesamt 13
Millionen Euro gefördert wird.
Das
"Nürnberger Bündnis gegen Depression" ist eines der wichtigsten
Teilprojekte des "Kompetenznetz Depression, Suizidalität". Durch vielfältige
Aktivitäten war es gelungen, die Suizidrate im vergangenen Jahr im
Stadtgebiet um mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu senken.
Noch in diesem Jahr sollen diese Erfahrungen nun bundesweit in fünf
Partnerregionen in Hamburg-Harburg, Kempten, Erlangen, Lübeck und
Regensburg für eine bessere Versorgung depressiv erkrankter Menschen
umgesetzt werden.
Am
weitesten gediehen sind die Vorbereitungen im "Harburger Bündnis gegen
Depression". In dem Hamburger Stadtbezirk Harburg mit etwa 200 000 Einwohnern
wollen sich die Initiatoren der Kampagne vor allem um die Früherkennung
von Depressionen am Arbeitsplatz kümmern, berichtete der Psychiater
Dr. Hans-Peter Unger vom Allgemeinen Krankenhaus Harburg in Nürnberg.
Depressionen
seien heute fast so etwas wie der "Arbeitsunfall der Postmoderne", meinte
Unger. Während früher in den Fabriken körperliche Verletzungen
eine große Rolle spielten, sei seit den 90er Jahren in den hoch entwickelten
Industriegesellschaften eine Zunahme depressiver Erkrankungen vor allem
bei Jüngeren und bei Angestellten festzustellen. Ursache seien vielfach
Reorganisationen in den Unternehmen, unklare Hierarchien mit rasch wechselnden
Aufgabenfeldern sowie der zunehmende Arbeitsdruck, sagte Unger.
Im
Harburger Bündnis gegen Depression wollen nach dem Nürnberger
Vorbild Haus- und Fachärzte, Klinik, Beratungsstellen und Selbsthilfeorganisationen
eng zusammenarbeiten, kündigte Unger an. Zur Vorbereitung seien in
den vergangenen zwölf Monaten bereits mehrere Workshops und Symposien
für Haus- und Fachärzte veranstaltet worden. Offizieller Start
soll im Herbst 2003 sein.
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