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Ärzte Zeitung, 05.10.2001
KOMMENTAR
Vorbildhafter Modellversuch
Von Jürgen Stoscheck
Depressionen werden leider noch immer irgendwo
zwischen Befindlichkeitsstörung, Stimmungstief und Einbildung
eingeordnet. Die Folgen sind fatal: Von
den schätzungsweise vier Millionen Menschen, die bundesweit an einer
Depression leiden, nehmen sich jährlich
etwa 6000 das Leben. Die Depression ist eine potentiell lebensbedrohliche
Erkrankung. Viele der Erkrankten waren
in den Tagen und Wochen vor einem Suizid noch bei ihrem Hausarzt oder
hatten Kontakt zu einer Einrichtung im
Gesundheitswesen.
Damit diese Patienten rechtzeitig erkannt
und dann richtig behandelt werden, hat das "Nürnberger Bündnis
gegen
Depression" im Januar ein breit angelegtes
Aktionsprogramm gestartet. Bereits nach neun Monaten gibt es erste
spektakuläre Erfolge. Der Rückgang
der Suizide beweist, daß die Botschaft des Aktionsprogramms in der
Bevölkerung
und bei den Helfern angekommen ist: Rechtzeitig
erkannte Depressionen sind behandelbar - und zwar mit Erfolg.
HINTERGRUND
Hoffnungsvolle Zwischenbilanz in Nürnberg:
Suizidrate ist in neun Monaten
drastisch gesunken
Von Jürgen Stoschek
"Ich bin kein ängstlicher Mensch,
weiß was ich will, schlafe in der Regel gut, esse gern und habe viel
Freude an der
Natur. Das ist in der Depression alles
anders. Angst kriecht den Rücken hoch, ich kann mich nicht mehr für
irgendetwas
entscheiden, kann mich schwer konzentrieren,
habe Schlafstörungen, bin appetitlos, nichts macht mir mehr Freude,
ja
ich bin unfähig, Kleinigkeiten zu
erledigen und kann mich schließlich nicht mehr selbst versorgen.
Dazu kommen
körperliche Symptome."
So schildert die heute 63jährige Elfriede
I. die Symptome ihrer Depression, an der sie in den vergangenen acht Jahren
dreimal erkrankt war. In einem Erfahrungsbericht
hat Elfriede I. die Depression als "Krake" bezeichnet, die sie während
ihrer Krankheit immer wieder gefangennahm.
Heute, nachdem sie ihre Depression überwunden hat, sagt sie auch
nicht mehr "reiß Dich zusammen".
Denn sie hat erfahren, daß Betroffene dazu oft einfach keine Kraft
haben.
Hohes Suizidrisiko durch Depressionen
Etwa vier Millionen Menschen leiden bundesweit
an Depressionen. Und ein großer Teil der jährlich mehr als 11
000
Suizide hat seine Ursache in depressiven
Erkrankungen. "Die Depression ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die
jeden treffen kann- aber die Betroffenen
sind behandelbar ist", sagt Professor Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen
Klinik der Uni München. Nach Schätzungen
der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden schwere Depressionen in
20 Jahren nach den Herz-Kreislauferkrankungen
weltweit die zweithäufigste Krankheit sein.
Hegerl ist Sprecher des "Kompetenznetzes
Depression, Suizidalität", ein Projekt, das vom Bundesministerium
für
Bildung und Forschung fünf Jahre
lang mit jährlich rund fünf Millionen DM gefördert wird.
Ein wesentlicher Bestandteil
des Forschungsvorhabens ist das "Nürnberger
Bündnis gegen Depression", das Anfang des Jahres mit dem Ziel
gestartet wurde, bis Ende 2002 die Versorgung
depressiv erkrankter Menschen in der Frankenmetropole zu verbessern
und die Zahl der Suizide nachweisbar zu
senken.
Neun Monate nach dem Start des Aktionsprogramms,
an dem Haus- und Fachärzte, Psychotherapeuten und
Medienexperten ebenso beteiligt sind wie
Kirchen, Kliniken und staatliche Stellen, berichtet das Nürnberger
Bündnis
von einem drastischen Rückgang der
Suizide. Von Januar bis September seien in Nürnberg so wenig Suizide
registriert
worden, wie seit 20 Jahren nicht mehr,
heißt es. Einzelheiten zu den Erfolgen des Projektes sollen am 11.
Oktober in
Nürnberg bekannt gegeben werden.
Im Kampf gegen die Depression haben die
Hausärzte eine Schlüsselrolle, betont Hegerl. Mit dem gleichen
Engagement wie in der Praxis nach Hypertonus
und Diabetes gesucht wird, müsse auch nach "der großen
Volkskrankheit Depression" gefahndet werden.
Etwa elf Prozent der Patienten einer hausärztlichen Praxis leiden
nach
Hegerls Angaben an einer depressiven Erkrankung.
"Die Patienten merken, daß in ihnen
etwas vorgeht. Sie rücken aber oft körperliche Beschwerden in
den Vordergrund,
weil das für sie greifbarer ist",
berichtet Hegerl über seine Erfahrungen. Deshalb müssen Ärzte
gezielt danach fragen.
Als Beispiel für eine Einstiegsfrage
empfiehlt Hegerl eine Formulierung wie: "Sie machen einen verzweifelten
Eindruck.
Macht Ihnen das Leben keinen Spaß
mehr?"
Auf die richtige Ansprache des Patienten
kommt's an
In den vergangenen Monaten haben in Nürnberg
viele Fortbildungsveranstaltungen vor allem für Hausärzte
stattgefunden, berichtet Hegerl. Damit
soll erreicht werden, daß Patienten, die an einer Depression erkrankt
sind, früher
erkannt und dann adäquat behandelt
werden. Untersuchungen haben nämlich ergeben, daß etwa die Hälfte
der
Menschen in den vier Wochen vor einem
Suizid noch bei ihrem Hausarzt waren, berichtet Hegerl. Deshalb werden
in
den Fortbildungsveranstaltungen vor allem
das Erkennen und die Einschätzung einer Suizidgefährdung sowie
der
Umgang mit Suizidgefährdeten besprochen.
Mit Plakaten und öffentlichen Veranstaltungen,
mit Kinospots und Informationsbroschüren wurde zudem die Nürnberger
Bevölkerung umfassend über die
Krankheit Depression informiert, um so die Wahrnehmung für erste Anzeichen
einer
Depression zu schärfen. Dadurch seien
Vorbehalte, aber auch Verharmlosungen abgebaut worden. Inzwischen habe
er
von Patienten und Angehörigen gehört,
die Ärzte auf beobachtete Symptome einer Depression angesprochen haben,
berichtet Hegerl über den erfolgreichen
Verlauf der Aufklärungskampagne. Derzeit stehe im Mittelpunkt der
Arbeit die
Frage, ob und welche Faktoren des Aktionsprogramms
zum Sinken der Suizidrate geführt haben.
FAZIT
Damit Menschen, die an einer Depression
erkrankt sind, früher erkannt und adäquat behandelt werden,
ist im Januar in Nürnberg ein Aktionsprogramm,
das "Nürnberger Bündnis gegen Depression", gestartet
worden. In dem Bündnis arbeiten Haus-
und Fachärzte, Psychotherapeuten, Beratungsstellen, Kliniken,
Kirchen und Gesundheitsämter eng
zusammen. Bereits nach neun Monaten gibt es erste Erfolge: Es
gibt deutlich weniger Suizide. (sto)
Weitere Informationen unter www.buendnis-depression.de
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