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Ärzte Zeitung, 03.12.2001 Wenn das Melatonin im Körper abgebaut ist, wachen wir auf Innere Uhr steuert über Melatoninspiegel und Körpertemperatur Müdigkeit und Wachsein sowie andere physiologische Prozesse Von Beatrice Wagner
Antworten geben Chronobiologen. Sie befassen sich mit periodischen Veränderungen der Lebensvorgänge und haben herausgefunden, daß genetisch bedingt alle Körperfunktionen einem Tagesrhythmus unterliegen. Außer den zirkadianen Rhythmen, die ungefähr einen Tag lang dauern, hat die Chronobiologie noch weitere Perioden entdeckt: ultradiane Rhythmen, die länger als 24 Stunden dauern, sowie infradiane Rhythmen, mit einer Periode deutlich kürzer als ein Tag. Die zirkadianen Uhren bewirken etwa, daß gegen 20 Uhr unsere Körpertemperatur zu fallen beginnt, wir müde werden, einschlafen können, in die verschiedenen Schlafphasen gleiten. Auch wenn zwischen 12 und 15 Uhr ein weiterer Temperaturknick eintritt und wir in unser tägliches Mittagstief fallen, ist dies von unseren inneren Uhren gesteuert. Bei einem zirkadianen Rhythmus ist es nicht unbedingt nötig, daß der Körper registriert, wie hell es draußen ist oder welche Tageszeit vorherrscht. Wie Versuche in Räumen ohne Uhren und Tageslicht ergaben, haben die meisten Menschen in zeitlicher Isolation eine Periodenlänge von 25 Stunden. Die Länge ihres Tages pendelt sich von alleine auf diesen Rhythmus ein, ohne daß sie wissen, wie spät es ist. Ein Tag aus Schlafen und Wachen konnte bei den Versuchs-Teilnehmern aber auch zwischen 19 und 30 Stunden pendeln. Damit ein Rhythmus wie Schlafen und Wachsein
mit der tatsächlichen Tageszeit übereinstimmt, benötigt
er einen zentralen Schrittmacher, der die innere Uhr einstellt. Diese Funktion
hat der Nucleus suprachiasmaticus (SCN), der über dem Chiasma, der
Kreuzung der Sehbahnen liegt. Der SCN kann über die Sehbahnen erkennen,
ob es hell oder dunkel ist. Der Taktgeber, der wie die Funkuhr aus Braunschweig
die Uhren immer wieder justiert, ist das Tageslicht. Der SCN leitet die
Information an die Epiphyse weiter, wo abends Melatonin gebildet sowie
die Produktion der Sexualhormone gesteuert wird. Melatonin ist auch ein
Neurotransmitter. Viel Melatonin im Blut ist ein Signal für die regenerierenden
Funktionen des Körpers, während bei weniger Melatonin die leistungssteigernden
Funktionen aktiviert werden. Das Melatonin-Maximum erreicht der Körper
ungefähr um drei Uhr nachts. Zu diesem Zeitpunkt ist er auch am Temperaturminimum
angekommen und der Kreislauf ist am labilsten. In den folgenden vier Stunden
steigert der Körper langsam die Produktion von Cortisol und weiteren
leistungssteigernden Faktoren.
Wir wachen auf, wenn das Melatonin, das
im Körper nur eine Haltbarkeit von einer halben Stunde besitzt, abgebaut
ist und das Cortisol sein Maximum erreicht hat, so der Schlafforscher Professor
Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität
Regensburg. Bei den so genannten "Lerchen" setzt dieses Temperaturtief
früher ein, so daß die Hormonkonzentration im Körper auch
schon früher auf Wachwerden programmiert wird. Umgekehrt dauert es
bei den "Eulen" länger, bis sie die "Geisterstunde", also ihren Temperaturtiefpunkt
und ihr Melatonin-Maximum erreichen. Wenn diese Menschen zu früh geweckt
werden, befinden sie sich biochemisch noch nicht im neuen Tag.
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| STICHWORT: Flexible innere
Uhren
Viele Umweltfaktoren und -stoffe sind durch den Wechsel von hell und dunkel vorhersagbar. Sinnvoll ist es, wenn sich Organismen darauf einstellen. Ein 24-Stunden-Rhythmus ist daher genetisch vorgegeben. Allerdings können sich zirkadiane Umweltfaktoren auch Tag für Tag ändern. Es gibt Temperaturschwankungen, längere und kürzere Tage, Wanderungen oder Transport in andere Klimazonen. Für diese Fälle muß die innere Uhr flexibel sein. Das erreicht sie, indem sie das Tageslicht als Taktgeber benutzt, welches die genetisch gesteuerten ungefähren Tagesrhythmen regelmäßig justiert.Bei Schichtarbeit oder einem extrem unsteten Leben stoßen wir mit dieser Flexibilität an Grenzen: Die physiologischen Prozesse desynchronisieren und die einzelnen Rhythmen laufen in unterschiedlicher Geschwindigkeit und können sich nicht mehr sinnvoll ergänzen. |