Psychotherapeutische Maßnahmen
 
Die Psychotherapie hat heute ihren festen Platz im Gesamtbehandlungsplan der Depressionen. Studien mit neuen, bildgebenden Diagnoseverfahren haben belegt, dass psychotherapeutische Maßnahmen zu positiven Veränderungen der Gehirnaktivität beitragen können. Eine rein medikamentöse Therapie ist nicht sinnvoll. Leider ist es in Deutschland sehr schwierig, einen guten Therapeuten zu finden, da sich auf dem unübersichtlichen Markt auch viele unseriöse und inkompetente Anbieter tummeln.

Die psychotherapeutischen Maßnahmen umfassen schwerpunktmäßig die folgenden vier Punkte:
  • Sachliche Information über medizinische und wissenschaftliche Aufklärung über die Krankheit: Jeder Kranke sollte gut über seine Krankheit, die Therapieformen und deren Wirkmechanismen informiert werden.
  • Emotionale Unterstützung, gefühlvolle Lenkung und Begleitung in der depressiven Phase: Ein Nahestehender, der nach vorne blickt und Hoffnung und eine Perspektive vermittelt, ist dem Kranken eine große Hilfe, da es auf dem Weg zur Gesundung immer wieder kleine Rückschläge gibt.
  • Die Depression verändert die Denkweise und das Fühlen. Daraus resultieren meist unnatürliche und der Situation nicht angemessene Verhaltensweisen. Dies kann zu Fehlern führen, die der Kranke später eventuell bereut. Mit der kognitiven Verhaltenstherapie wird versucht, "erlerntes Fehlverhalten" durch das Einüben anderer Verhaltensweisen zu überwinden. Dies ist vergleichbar mit einem Muskeltraining fürs Gehirn.
  • In der Gesprächstherapie wird versucht, belastende Ereignisse zu verarbeiten und Lösungen für Problemsituationen zu suchen. Der Therapeut hilft bei der Selbsterkenntnis, hält sich ansonsten aber mehr zurück.
Die Psychotherapie
Vor nicht einmal 30 Jahren kam die heute gängige und sinnvolle Kombination der pharmakologischen und der psychotherapeutischen Therapie selten zur Anwendung. Teils war damals die "chemische Therapie" verpönt, teils war Psychotherapie noch nicht effektiv. Heute verfügt die Medizin über eine große Palette gut wirksamer und relativ nebenwirkungsarmer Wirkstoffe. Die medikamentöse Therapie gilt inzwischen als unverzichtbares Verfahren, um den Gehirnstoffwechsel wieder zu normalisieren. Doch auch die psychotherapeutischen Verfahren haben ihren festen Platz bei der Behandlung der Depression eingenommen. Als alleiniges Mittel zur erfolgreichen Behandlung von Depressionen ist sie nicht geeignet, genauso wenig hat ein rein medikamentöser Therapieansatz Aussicht auf guten Erfolg. 

Die psychotherapeutischen Maßnahmen, die eine aktive Mitarbeit des Patienten erfordern, sollten nicht während einer akuten depressiven Phase angewandt werden. Der Patient wäre überfordert und nur sehr eingeschränkt zur Mitarbeit fähig. Erst nach Überwindung einer schweren depressiven Phase sollte mit dieser hilfreichen Therapieform begonnen werden. 

Die Psychoanalyse hat bei der Behandlung von Depressionen keine Bedeutung mehr. Das Analysieren von verdrängten Konflikten der Kindheit ist keine Hilfe für einen Kranken und nur für Personen empfehlenswert, die mehr über sich erfahren möchten. Auch die so genannte systemische Therapie, die sich mit Wechselbeziehungen innerhalb der Familie beschäftigt 

Auf die oben aufgeführten vier Punkte gehe ich in den folgenden Abschnitten etwas näher ein.

Sachliche Informationen über die Depression als behandelbare Stoffwechselstörung
Die Ursache ist organischer Natur. Alle Depressive haben einen gestörten Gehirnstoffwechsel und zwar einen Mangel an bestimmten Gehirnbotenstoffen. Dieser Mangel führt zu Hoffnungslosigkeit und Leistungsmängeln und allen anderen quälenden Symptomen. Der Informationsaustausch zwischen den Gehirnzellen ist gestört, die chemische Reizübertragung funktioniert nicht. Mit den verschiedenen Behandlungsformen wie z.B. Antidepressiva, Psychotherapie, Ausdauertraining und Lichttherapie wird die Chemie im Kopf und damit der gestörte Gehirnstoffwechsel wieder ins Gleichgewicht gebracht, die depressiven Symptome verschwinden nach und nach. In gesunden Zeiten ist ein Betroffener genauso leistungsfähig, belastbar und gesund, wie jeder andere Gesunde es auch ist.

Ziel dieser Aufklärung ist es, dem Betroffenen ein Ziel zu geben und ihn damit zu einer möglichst aktiven Mitarbeit zu bringen. Während einer medikamentösen Therapie ist eine psychologische Begleitung sehr hilfreich! Um die Krankheit zu verstehen, um die Symptome vernünftig einzuordnen, um eine Therapie konsequent durchzuhalten, ist eine psychologische Unterstützung sehr sinnvoll.

Die psychologische Unterstützung des Patienten
Der Umgang mit einem depressiven Patienten, Freund oder Angehörigen ist nicht leicht: Menschen in einer Depression können sehr anstrengend sein, da sich ihre momentane Welt nur um ihre Befindlichkeit dreht, sie grübeln, widersprechen sich, drehen sich mit ihren Gedanken im Kreis oder sie sind still und teilen sich ihren nahestehenden Menschen nicht mit. Auch die Hilflosigkeit, die einem als Freund oder Angehöriger immer mehr bewusst wird, verunsichert enorm. Seine Hilfe besteht darin, einen klaren Knopf zu behalten, dem Betroffenen deutlich machen, dass es sich um eine Stoffwechselkrankheit handelt, die man gut behandeln kann, dass die Symptome nicht aus einem Fehlverhalten resultieren und dass er von einer vollständigen Gesundung überzeugt ist.

Auch wenn es für den Gesunden nahezu unmöglich ist, die Krankheit zu verstehen und sich einzufühlen, kann er mit seiner Bereitschaft zum Zuhören, aber vor allem mit seinem klaren Kopf eine große Hilfe für den Betroffenen sein. Seine Aufgabe sollte es sein, die Einsicht des Betroffenen in die Krankheit vorsichtig zu fördern und dem Kranken unbedingt zu einem Arztbesuch zu bewegen. Der Depressionskranke braucht eine verständnisvolle, aber konsequente Lenkung in Richtung therapeutischer Maßnahmen, denn seine Einsichtsfähigkeit und der Antrieb, etwas für seine Heilung zu tun, sind sehr stark herabgesetzt. 

Es ist nicht sinnvoll, lange Gespräche über krankheitsbedingte Probleme, Denk- und Verhaltensweisen zu führen, man dreht sich nur im Kreis. Allen Beteiligten muss klar sein, dass die Krankheit mit ihren Symptomen nicht aus falschem Verhalten, Denken oder Fühlen entsteht. Besser ist es, den Blick nach vorne zu richten und dem Betroffenen eine therapeutische Perspektive zu geben!

Je früher man in einer Krankheitsphase therapeutische Schritte in Richtung Heilung einleitet, desto leichter und schneller überwindet der Kranke die Depression, desto schneller steht er wieder voll im Leben.

Kognitive Verhaltenstherapie
Unter den psychotherapeutischen Verfahren hat sich insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie für die Behandlung depressiver Störungen als wirksam erwiesen. Ausgangspunkt dieser Behandlung ist die Annahme, dass es sich bei den durch die Depression bewirkten Verhaltensweisen um ein "erlerntes Fehlverhalten" handelt, das durch Einüben anderer Verhaltensweisen überwunden werden kann. Auch wird versucht, eingefahrene, meist negative Denkmuster durch realistische und positive Denkweisen zu ersetzen, was durch folgende Schritte angestrebt wird:

Phase 1: Die Schlüsselprobleme werden benannt, der Patient in seiner negativen Sichtweise akzeptiert. Einhergehend mit dem Aufbau der therapeutischen Beziehung wird zwischen Patient und Therapeut ein Arbeitsbündnis geschlossen.
Phase 2: Gemeinsam wird der Zusammenhang zwischen Denken, Fühlen und Handeln an konkreten Schilderungen des Patienten erarbeitet.
Phase 3: Die "Erfolg-Vergnügen-Technik" als alternatives Denk- und Wahrnehmungsmodell wird vorgestellt und hierzu praktische Anwendungen bzw. Aktivitäten geplant und umgesetzt (z.B. Wochenplanung mit abgestuften Aktivitäten).
Phase 4: In Rollenspielen wird geübt, mit spezifischen alltäglichen Problemen umzugehen, die eigenen Interessen wahrzunehmen, um die Kontaktfähigkeit wieder herzustellen bzw. aufzubauen (soziale Kompetenz). An Stelle alter Denk- und Handlungsweisen werden neue Möglichkeiten erschlossen, wobei Sinn und Ziele des Rollenspiels gemeinsam mit dem Patienten besprochen und schließlich auf den Alltag übertragen werden.
Phase 5: Der Patient erkennt seine eigenen Denkweisen als Hypothesen, nicht als Fakten. Eingefahrene negative Denkmuster werden im Alltag in ihrem Automatismus erkannt, überprüft und gegebenenfalls durch alternative Erklärungen ersetzt. Der Patient lernt auch in schwierigeren Situationen die Kontrolle zu behalten und erlangt seine frühere soziale Kompetenz zurück.

Weitere Aspekte der kognitiven Verhaltensforschung ist auch die oben erwähnte Aufklärung des Patienten über seine Erkrankung und das intensive Gespräch über Erfahrungen mit der Krankheit, über Symptome, Ursachen, Verlauf und Therapie der Depression. 

Problemorientierte Gesprächstherapie
In Einzelgesprächen wird versucht, belastende Ereignisse in der Vergangenheit zu verarbeiten, so dass der Klient vernünftiger damit umgehen kann. Auch aktuelle Probleme, die mitunter aus krankheitsbedingtem Fehlverhalten resultieren können, werden diskutiert, um sich einer Lösung anzunähern. Diese Gesprächstherapie hilft dem Klienten, sich neu oder etwas anders zu orientieren und sein zukünftiges Leben zu planen. Gesprächstherapie kann helfen, Probleme zu definieren und nach Lösungen zu suchen, die man ohne therapeutische Unterstützung nur sehr schwer finden würde. Eine gute Vertrauensbasis ist hier besonders notwendig!
Suchen Sie einen guten Therapeuten?
Fragen Sie am besten Ihren behandelnden Arzt, er hat den besten Überblick über die praktizierenden Therapeuten in Ihrer Nähe.
Weitere und ausführlichere Informationen zur Psychotherapie

Klaus Grawes Buch "Neuropsychotherapie" bringt die fachärztlichen (biologischen) und die psychotherapeutischen Ansichten gut zusammen, ist auch für Laien spannend zu lesen. Verlag Hogrefe, 2004, Preis 39,95 Euro
Informationen zur Psychotherapie gibt es unter www.bdp-nrw.de/dfa bei der Landesgruppe NRW des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.