Milde bis grenzwertige
depressive Störungen beeinflussen die Lebensqualität der Patienten
ganz unmittelbar - Therapie auch bei leichten Depressionen notwendig
Berlin (hsr). Leichte bis
grenzwertige depressive Störungen dürfen "nicht auf die leichte
Schulter" genommen werden, meint Professor Michael Linden von der Freien
Universität Berlin. "Denn sie beeinflussen die Lebensqualität
der Patienten unmittelbar." Ein Stufenplan, den der Psychiater gemeinsam
mit der von ihm geleiteten Forschergruppe "Ambulante Therapie" erarbeitet
hat, soll Hausärzten dabei helfen, die Behandlung dieser Patienten
zu verbessern.
"Grenzwertige psychische
Störungen treten epidemiologisch dreimal so oft auf wie schwerere
seelische Erkrankungen. Sie führen, etwa bei den sozialmedizinischen
Kosten, zu mehr Krankschreibungen als klassische somatische Erkrankungen
wie Hypertonus, Diabetes oder Rheuma", sagte Linden zur "Ärzte Zeitung"
aus Anlas einer Apotheken-Veranstaltung des Unternehmens Lichtwer in Berlin.
Nach WHO-Studien zur Prävalenz psychischer Störungen in Allgemeinarztpraxen
fallen durch diese chronischen somatischen Erkrankungen durchschnittlich
zwei Tage Krankmeldungen im Monat an. Die Arbeitsausfälle durch grenzwertige
depressive Störungen liegen mit zwei bis drei Tagen höher, aufgrund
ausgeprägter psychischer Erkrankungen sind etwa vier Tage Arbeitsunfähigkeit-Meldungen
notwendig.
Der Leiter der Abteilung
Verhaltenstherapie und Psychosomatik an der BfA-Klinik Seehof in Teltow
und Oberarzt an der Psychiatrischen Klinik der FU Berlin empfiehlt, bei
Patienten mit diesen leichten und grenzwertigen depressiven Symptomen so
vorzugehen: Zunächst abzuwarten, daß die Episode vorbeigeht
- "was sicherlich auch vernünftig ist" -, dann allgemeine psychohygienische
Maßnahmen wie Änderung des Lebensstils, rechtzeitiges Zubettgehen,
weniger zu rauchen, weniger Alkohol zu trinken, weniger fernzusehen und
mögliche Probleme mit dem Partner zu klären. Auch bei endogener
Komponente für die Depression seien solche Faktoren von Bedeutung
für das Auslösen, den Verlauf und die Chronifizierung der Störungen.
Wichtig sei auch die Hilfe
aus dem Lebensumfeld, Beratung durch Freunde bis hin zum Pfarrer zum Beispiel.
Linden: "Unter Umständen ist dann auch eine Selbstmedikation notwendig.
Eine Option dafür ist sicherlich das Johanniskraut." Das Phytopharmakon
stehe an der Übergangsgrenze von Selbstmedikation und verordneter
Medikation. Bei Jarsin® etwa beginne man mit 300 mg am Tag, steigere
bei Bedarf auf zweimal 300 mg und erhöhe, reiche diese Dosis nicht
aus, auf dreimal 300 mg.
"Man erhöht also die
Dosis und setzt das Mittel nicht gleich ab. Die Entscheidungsregel lautet:
Sei fair zur Therapie!", sagte Linden. Halte die gedrückte Stimmung
aber vier bis acht Wochen durchgehend an, dann sei der nächste Schritt
an der Reihe. Nach demselben Schema müsse bei der Therapie depressiver
Patienten grundsätzlich vorgegangen werden. Als Daumenregel nennt
der Psychiater: Alle acht Wochen ist es spätestens Zeit, neu über
eine Erhöhung der Dosis oder über eine Umsetzung der Medikation
nachzudenken. Zum Beispiel auf einen modernen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer,
den Linden durchaus auch bei leichten Depressionen für indiziert hält,
einen Behandlungsversuch zu wagen.
Eine wichtige Aufgabe bei
der Betreuung und Therapie kommt dem Hausarzt zu, der zugleich oft auch
Lebensberater ist. Denn fünf bis zehn Prozent der Patienten in einer
Hausarztpraxis leiden unter mehr oder weniger spezifizierten Depressionen.
75 Prozent haben leichte Störungen. Linden: "Diese Patienten sollte
der Hausarzt behandeln. Das kann nicht alles der Nervenarzt machen."
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