Forschung aktuell
Ärzte Zeitung
Neues Wirkprinzip bei Herbst-Winter-Depression SAD
Einsatz von Reboxetin bei SAD und auch bei "normaler"
Depression
Kennzeichen einer SAD (saisonal abhängige Depression) sind regelmäßiges Auftreten depressiver Symptome in den Herbst- und Wintermonaten mit deutlicher Besserung in Frühling und Sommer. Bisher ging man in der Pathogenese von Störungen des serotonergen Systems aus, daher wurde die SAD - neben der Lichttherapie - auch bewusst mit serotonergen Substanzen behandelt. Nun zeigt jedoch eine Pilotstudie mit Reboxetin, einem NARI (Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor) erstaunlicherweise ein auffällig rasches Ansprechen der Herbst-Winter-Depression.
Die saisonal abhängige Depression ist eine Erkrankung mit bevorzugtem
Auftreten in der sonnenarmen Jahreszeit und weist im Vergleich zur Major
Depression eine teils atypische Symptomatik auf: die pathologische Energie-
und Antriebslosigkeit tritt bevorzugt in den Nachmittags- und Abendstunden
auf - allerdings ohne subjektiv ausreichende Erholung. Ebenfalls charakteristisch
ist eine verlängerte Schlafdauer und eine Veränderung des Essverhaltens
in Form eines oft ausgeprägten Kohlehydrathungers mit teils beträchtlicher
Gewichtszunahme.
Besonders die atypischen Depressionszeichen wurden als Veränderung
des zentralen serotonergen Systems angesehen, da die hypothalamische Serotonin-konzentration
auch in den Herbst/Wintermonaten am niedrigsten ist. Andererseits wurden
noradrenerge Antidepressiva bevorzugt bei nicht-saisonaler Depression mit
gehemmter Symptomatik zur Antriebsförderung eingesetzt. Angeregt von
aktuellen Erkenntnissen über die Rolle der Katecholamine in der Pathophysiologie
der SAD wurde nun an der klinischen Abteilung für allgemeine Psychiatrie
im AKH Wien unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. S. Kasper eine Pilotstudie
mit Reboxetin, einem selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer ohne
Affinität zu Serotonin-Rezeptoren, an Patienten mit SAD durchgeführt.
Studiendesign
Die Patienten wurden über 6 Wochen mit 8mg Reboxetin täglich
als Monotherapie behandelt und an den Tagen 0, 7, 14, 28 und 42 beurteilt.
Dabei wurde der strukturierte Interview-Leitfaden für die Hamilton
Depression Rating Scale ( HDRS ) und deren SAD-Version ( SIGH-SAD ), die
das HDRS-Supplement für atypische Symptome ( HDRS Suppl. ) enthält,
für die Abschätzung des Therapiefortschritts verwendet. Unerwünschte
Ereignisse wurden an Hand der standardisierten UKU-Nebenwirkungsskala und
gemäß freier verbaler Mitteilung der Patienten registriert.
Eingeschlossen wurden 16 Patienten mit einem mittleren Alter von 38,7 Jahren
und einem HDRS von 19,1 +/- 7,8; von diesen hielten 11 das vorgeschriebene
Studienprotokoll bis zum Tag 42 durch.
Überraschende Resultate
Bei den Ergebnissen fiel auf, daß 9 dieser 11 Patienten mit schweren
atypischen depressiven Symptomen wie erhöhtem Schlafbedürfnis,
Müdigkeit und Heißhunger, eine rasche Remission dieser Symptomatik
innerhalb der ersten Woche erfuhren (HDRS Suppl. am Beginn von 13,9 versus
2,8 an Tag 7), und sich dies bis zum Studienende noch weiter verbesserte
( HDRS Suppl. 0,6 an Tag 42). Der Hamilton-Gesamtscore sank nach 6 Wochen
von 19,1 auf durchschnittlich 1,6 Punkte. Eine Patientin, vorher auf Lichttherapie
und SSRI resistent, erholte sich vollständig nach 4 Wochen.
Gute Verträglichkeit
An unerwünschten Ereignissen traten vorübergehend Mundtrockenheit,
Obstipation, vermehrtes Schwitzen, orthostatische Dysregulation, Tachykardie
und Schlafstörungen auf. Die teils scheinbar anticholinergen Nebenwirkungen
dürften jedoch, infolge keiner nachweisbaren Inhibition muskarinerger
Rezeptoren durch Reboxetin, durch die Sympathikusaktivierung zu erklären
sein.
Schlussfolgerung
Zusammenfassend zeigt diese Pilotstudie trotz niedriger Patientenzahl
doch eine vielversprechende Wirksamkeit von Reboxetin (11 volle Remissionen,
nur 1 Therapieversager bei 4 Drop-outs) in der Indikation SAD und lässt
damit vermuten, daß gerade die sehr rasch ansprechenden atypischen
Symptome auf den akuten Effekt der Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung besonders
reagieren. Die frühere Hypothese, daß die saisonal abhängige
Depression durch einen reinen Serotonin-Mangel hervorgerufen wird, ist
an Hand dieser Untersuchung nicht haltbar.